![]()
| Belehrung zu Kettenbriefen | |
|
Den folgenden Text schreibe ich, wenn mir jemand einen Kettenbrief schickt. Und damit derjenige erfährt, was es heißt, tausende von sinnlosen Nachrichten zu bekommen, schreibe ich den Text nicht einmal, nicht zweimal sondern - je nach persönlichem Befinden - zwischen fünf- und fünfhunderttausend mal. Du hast mir also einen Kettenbrief geschickt. Warum? Es gibt ja mehrere Typen von Kettenbriefen und mit einem davon wolltest Du mir meinen Tag versauen. Da wäre als erstes der "Weiterschicken oder du stirbst"-Kettenbrief: Nehmen wir mal an, es stimmt wirklich, was da drin steht. Warum willst Du mir sowas antun? Du zwingst mir eine Aufgabe - das Weiterschicken - auf, die ich unbedingt ausführen muss, weil mir andernfalls was schlimmes widerfahren wird. Warum? Hab ich Dir was getan? Hast du rausgekriegt, dass ich dir auf die Motorhaube geschissen hab, nachdem wir neulich von ner Party besoffen heimgelaufen sind? Hab ich deinen Hamster ermordet? NEIN, Vollidiot. Das ist, als würde ich dir eine fiese Krankheit anhängen und dir dann drohen, dass du stirbst, sofern du die Krankheit nicht weitersendest. Ich denke, damit wäre das geklärt. Dann gibt es da noch den "Weitersenden oder ein kleiner Junge stirbt am Popelausdehnungssyndrom"-Kettenbrief. Dieser Brief droht, dass ein kleiner Junge oder ein kleines Mädchen oder meinetwegen ein zuckersüßer Hamster nur noch wenig Zeit zu leben hat und die unglaublich teure Operation nur durch DICH gerettet werden kann. Jedoch will der Absender kein Geld von dir, sondern versucht dir klarzumachen, dass AOL oder ICQ (wobei es die Firma gar nicht gibt, denn die Firma dahinter hieß Mirablis - wurde von AOL aufgekauft) eine Reichsmark spenden für jede Mail die weitergesendet wurde. Jetzt mal eine ganz blöde Frage, die dir vom ersten Typ bekannt vorkommen sollte, so du denn alles gelesen hast: WARUM? Warum zum Teufel sollten die das tun? OK, schieben wir es darauf, dass die einfach gute Promotion Manager oder meinetwegen sogar gute Menschen in der Firma haben. Aber auch diese These ist nicht ganz stimmig. Warum sollten die das im Stillen machen? Warum sollten die dich dafür belohnen, dass du deren Server belastest? Sei es E-Mail, ICQ, MSN oder irgend ein Internetforum: jede Nachricht kostet bares Geld. Warum also sollte ein Betreiber seinen Server belasten, wenn er auf anderem Wege die doppelte Summe spenden könnte? Bei e-mails ergibt sich weitergehend folgende Frage: WIE bitteschön soll ein Anbieter überprüfen, wie oft die e-Mail weitergeleitet wurde? Solange die Mail nur innerhalb eines Providers verschickt wird, ist das natürlich möglich. Was aber tun, wenn jetzt AOL angeblich verspricht, für jede Mail zu spenden, diese Mail aber zwischen 2 T-Online Usern verschickt wird? Glaubt ihr, die Jungs von AOL haben Zugriff auf T-Online Server? Weiterhin wäre der Aufwand an Rechenleistung zur Überprüfung derart hoch, dass nochmal weitere, exorbitante Kosten entstehen würden. Nur für einen Promotion-Gag nimmt das kein Anbieter auf sich. Besonders lustig finde ich auch die "Schick das an 5 Leute und deine ICQ-Blume wird blau"-Kettenbriefe. Ja, sicher Leute. Auch hier sprechen einige Tatsachen schlichtweg DAGEGEN. Da hätten wir zuerst mal das Nichtvorhandensein einer blauen ICQ-Blume. Damit ein Bild angezeigt werden kann, muss es auf deinem Computer irgendwo gespeichert sein, richtig? Richtig! Ist es aber nicht. Keine der ICQ-Dateien enthält eine blaue Blume. Du kannst das mit einem geeigneten Programm gerne selbst überprüfen, wenn du mir nicht glaubst. Ausserdem sollte sogar DIR bekannt sein, dass ICQ aus den USA kommt. Cool, ist ja nicht weiter hinderlich, wenn da nicht ein kleines Detail übersehen worden wäre: ICQ = Englisch, Kettenbriefe = Deusch. Du erkennst also den Konflikt, ja? Aber mal etwas, was wirklich funktioniert: Begebe dich auf die Toilette und scheiß dir einfach in die Hand. Dann geh zurück zum PC und schmier einfach ein kleines Bisserl deiner Stoffwechselendprodukte auf den Bildschirm. Schon verfärbt sich deine ICQ-Blume in einem angenehmen Braunton. Und das tollste: je nach vorher eingenommener Nahrung hat die Blume einen anderen Farbton! Eine Abwandlung der blauen Blume ist der "ICQ sucht inaktive"-Kettenbrief. Dieser droht an, deine ICQ-Nummer ungültig werden zu lassen, sofern du diese Nachricht nicht an deine gesamte Kontaktliste weiterschickst. Fatal. Für den Durchschnittsjugendlichen von Heute würde das bedeuten, dass er von der gesamten Außenwelt abgeschnitten ist, weil er ja zu seinen ganzen CS-Skill0rz keinen Kontakt mehr aufnehmen kann. Aber auch das ist seltsam. Selbst WENN - und das möchte ich betont wissen - die Jungens von AOL ein Interesse daran HÄTTEN, inaktive ICQ-Nummern auszusortieren, bräuchten sie keinen Kettenbrief dafür. Es müsste einfach nur überprüft werden, wann sich die betreffende Nummer zuletzt am Server angemeldet hat und schon wäre eine zuverlässige, funktionierende Kontrollmethode geschaffen. Hier ist es wie bei dem Spenden-Kettenbrief: Jede verschickte Nachricht kostet bares Geld. Warum also eine technisch deutlich aufwändigere Methode wählen, wenn man eine günstigere, zuverlässigere und einfachere Kontrollmethode zur Hand hat? Der letzte Punkt, der auf die Unglaubwürdigkeit dieser Nachrichten hinweist ist mal wieder die Sprache. Englisch != Deutsch. Etwas seltener in letzter Zeit, vor ca. 5 Jahren jedoch stark verbreitet sind die "Wenn wir 2000000000 Weiterleitungen kriegen, kommen wir ins Guinessbuch"-Kettenbriefe. Wie der immer längerwerdende Titel ja schon aussagt, wird darin orakelt, dass der Kettenbrief ins Guinessbuch der Rekorde kommt, sofern er sehr sehr oft weitergeleitet wird. Grundsätzlich ja ganz cool, ins Guinessbuch zu kommen aber erstens wird niemand genau DEINEN Namen da rauslesen und zweitens haben wir auch hier wieder das Problem der technischen Überprüfbarkeit. Nicht nur, dass es nicht möglich ist. Für einen Eintrag im Guinessbuch müsste auch permanent ein Notar anwesend sein, der die Zählung überwacht. Das geht dann rein finanziell über eine Freizeitaktion von ein paar Freaks hinaus, da diese Kettenbriefe ja über Jahre hinweg laufen und der Notar sicher nicht kostenlos arbeitet. Einen Nachteil haben diese Kettennachrichten alle gemeinsam: sie kosten. Sie kosten nicht unmittelbar Geld, das von deinem Konto abgezogen wird, aber sie kosten Geld. Viel Geld: Ein durchschnittlicher Kettenbrief wird also empfangen. Du öffnest ihn, liest ihn durch. Gesetzt den Fall, dass du dies in der Firma tust, kostet das Deine Firma Arbeitszeit und somit Geld. Auch privat könntest Du mit der hier verschwendeten Zeit etwas nützliches oder wirklich gutes tun wie beispielsweise alten Leuten über die Straße helfen. Warum solltest Du global anfangen etwas zu verändern, wenn Du vor Deiner Haustüre damit anfangen kannst? Mit dem reinen Zeitaufwand ist allerdings noch lange nicht Schluss: Du verschickst diesen Brief natürlich weiter. Nicht an eine Person sondern an mindestens 10. Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass ein durchschnittlicher Kettenbrief so ca 10KB mit Mailheadern und POP/SMTP-Gebrabbel ausmacht, verbraucht das Versenden des Kettenbriefs an 10 Empfänger bei fremden Anbietern 310 KB. Wenn jetzt JEDER der 10 Empfänger den Brief an weitere 10 Leute weiterschickt, sind wir schon bei 3410 KB also ca 3,33 MB. Wenn jetzt dieser Brief noch einige "Generationen" überlebt, kommt da ordentlich was zusammen. Alles für nichts. Ausserdem werden die Server sinnloserweise blockiert und für wichtige Nachrichten bleibt weniger Rechenzeit übrig. Ich hoffe, du konntest meinen Ausführungen folgen und nimmst dir das mal ein wenig zu Herzen. |
|
| Muhagglschorsch 03.08.2006 |